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Quartiersentwicklung in Zeiten des Klimawandels

Interview mit Joachim Jaenicke (JJ) von der Büschl Unternehmensgruppe und Rüdiger Schätzler (RS) von CA Immo.

Für die Entwicklung des Eggartens haben die beiden Eigentümer ein Joint Venture gebildet: die Eggarten Projektentwicklung GmbH & Co. KG.

Die Pläne für die Eggarten-Siedlung sind seit dem Ende des Wettbewerbs weiter fortgeschritten. Hätte man vor 15 oder 20 Jahren ähnlich geplant?
RS: Nein. Die Anforderungen bezüglich Nachhaltigkeit und Klimawandel an Quartiersplanungen haben sich stark verändert und spezifiziert.

JJ: Heute nimmt neben den energieeffizienten Gebäuden auch die Verträglichkeit mit der Umgebung einen hohen Stellenwert ein. Gebäude werden u. a. so angeordnet, dass ein gesundes Mikroklima, d.h. kein Hitzestau entstehen kann. Bei den Gebäuden wird auch mehr auf Animal-Aided Design geachtet.

RS: Aber auch damals gab es schon visionäre Projekte, wie beispielsweise das autoreduzierte Quartier Vauban in Freiburg.

Klimaneutrales Bauen ist stark vom Materialeinsatz abhängig. Beton, ein sehr gängiges Baumaterial in der Vergangenheit, hat beispielsweise einen hohen CO2-Ausstoß. Was ist im Eggarten geplant?
RS: In der Planung des Eggarten-Quartieres wird, gerade wegen des Modellcharakters, viel Wert auf Nachhaltigkeit gelegt. Dies soll v. a. durch hybride Lösungen, also die Nutzung von verschiedenen Baustoffen wie Holz, in der Bauausführung erreicht werden. Wir bemühen uns um Verzicht von Beton und setzen vermehrt auf vorgefertigte Modulbauweisen. Gerade die genossenschaftlichen Bauherren sind im Eggarten damit ganz vorne mit dabei.

JJ:  Stimmt, und wir möchten den CO-Fußabdruck der Gebäude so niedrig wie möglich halten. Hierbei wird durch eine sogenannte Life-Cycle-Analyse (LCA) sowohl der CO2-Ausstoß durch die Erstellung als auch der Betrieb der Gebäude als Ganzes betrachtet. Ziel ist, das Optimum beider Komponenten zu finden: niedriger Verbrauch im Betrieb und geringer Ressourceneinsatz bei der Erstellung.

Energieversorgung ist ein wichtiger Hebel für die Klimawende. Worauf setzen Sie im Eggarten? Und welche Rolle spielt dabei die Stadt München?
JJ:  In der Eggarten-Siedlung haben wir uns das Ziel gesetzt, den Betrieb der Häuser klimaneutral zu realisieren. Der Jahresverbrauch an elektrischer Energie wird durch Photovoltaik-Anlagen und die Wärme durch Nutzung des Grundwassers mittels Sole-Wasser-Wärmepumpen erzeugt (siehe auch Klimaschutz im Eggarten).

RS: Die Energie-Planung erfolgt in enger Abstimmung mit dem Stadtplanungsamt und den Stadtwerken München.

Wie werden die zukünftigen Bewohner*innen in der Eggarten-Siedlung wohnen?
JJ:  Gegenüber anderen Wohnentwicklungen haben wir uns zum Ziel gesetzt, ein Modellquartier zu realisieren: Neben energetischen Fragen wie z. B. Verbrauch, werden wir uns auch mit dem Zusammenleben der zukünftigen Bewohner*innen befassen. Durch den kombinierten Ansatz aus Genossenschaften und frei finanzierten Wohnungen versuchen wir ein Quartier für alle Münchner*innen zu schaffen, um so den städtischen Bevölkerungsquerschnitt darzustellen. Es wird auch Angebote zur Aneignung des öffentlichen Raums und Gemeinschaftsräume geben, um ein Quartier mit hoher Lebensqualität zu schaffen.

Die Bundesregierung arbeitet an einem Qualitätssiegel für nachhaltige Gebäude. Dabei werden beispielsweise auch die Emissionen über den Lebenszyklus des Gebäudes erfasst. Kann man den ökologischen Fußabdruck am Bau tatsächlich messen?
RS: Ja. Das Ganze ist, durch die über Jahre weiter entwickelten Zertifizierungsprogramme und anzuwendenden ESG-Kriterien (ESG: Umwelt, Soziales und verantwortungsvolle Unternehmensführung) der EU, sehr gut nachzuvollziehen und wird messbarer. In Kombination mit der Digitalisierung in Planung und Bau sowie des Quartiers-Management und der immer digitaler werdenden Verwaltung und Betreuung von Gebäuden ist dies im Betrieb gut zu überwachen.

JJ: In der Tat, der Energieverbrauch eines Gebäudes lässt sich durch bauphysikalische Berechnungen in der heutigen Zeit sehr gut berechnen. Die Erstellung eines Hauses wurde erst in den letzten Jahren in den Fokus gerückt: Durch eine Betrachtung des gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes lässt sich dessen CO2-Fußabdruck ermitteln. Hieraus lassen sich auch Optimierungsansätze ableiten, die in den gesamten Prozess der Entstehung der Eggarten-Siedlung auch einfließen. 

Es gab immer wieder Kritik an der Entwicklung der Eggarten-Siedlung. Ihre Haltung?
JJ:  Zu Beginn diente das Areal als genossenschaftliche Siedlung, danach als Vorhaltefläche für den Rangierbahnhof mit intensiver Nutzung für LKW-Abstellmöglichkeiten und Autoreparaturen. Erst als die Deutsche Bahn sich entschieden hatte, den Rangierbahnhof weiter westlich zu bauen, wurde die Wohnnutzung, wie von Anfang an geplant, wieder in den Vordergrund gestellt. Durch die lange Entscheidungsphase haben sich Mensch und Tier die Eggarten-Siedlung teilwiese anderweitig zu Nutzen gemacht. Durch eine Transformation versuchen wir möglichst alle Aspekte zu berücksichtigen. So wird ein Biotop-Verbundkorridor eingerichtet werden, der exklusiv der Tierwelt zur Verfügung stehen wird. Durch Öffnung des Quartiers werden nicht wenige, sondern alle Bewohner und die Nachbarschaft in den Genuss kommen, die neuen Eggarten-Siedlung zu erleben.

RS: In einer gesunden Abwägung wird hier ein nachhaltiges Modellquartier für viele Menschen entwickelt, was es so in München noch nicht gibt und was eine Stadt wie München an dieser Stelle auch braucht und verträgt.

.Am 13. Oktober 2022 findet eine Veranstaltung zum Thema „Quartiersentwicklung in Zeiten des Klimawandels“ in München statt. Hier können Sie u.a. mit Expert*innen des Projektes diskutieren.

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